Donnerstag, 3. November 2016

ÜBERZEUGT: fast 35.000 Instagram Follower können nicht irren - GLASS Berlin

Der erste Tag im Büro

Sicher kennst Du das seltsame Gefühl, wenn Du nach einem Urlaub den ersten Tag wieder im Büro bist, sich dort das Karussell weiter drehte und Du noch keinen Schimmer hast, was in der Zwischenzeit so alles passiert ist. Ich mag ihn einfach nicht, diesen ersten Tag. Ausserdem bin ich nach dieser Reise noch immer nicht wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen, zu schön war das Erlebte und die ständige Pendelei zwischen Wolke 4 und 7.

Glücklicherweise hatte mich meine Lieblingskollegin einen Tag vorher telefonisch gebrieft und ich konnte alle meine Befindlichkeiten entsprechend gut tarnen.

Kam ich doch gerade von einem langen Roadtrip durch 3 Ostblockländer zurück und hatte Kopf und Herz noch voller irrer Abenteuer und die eigentliche Landung im Alltag stand mir noch bevor. So sagte ich sogleich dankbar zu, als mich Frau Indica frug, ob ich Lust auf ein Testessen hätte. Es gibt doch nichts besseres, als an so einem ersten Tag nach dem Urlaub ein tolles Abendprogramm zu haben.


Restaurant GLASS Berlin

Nun war ich ja mit Frau Indica und unserem Lieblingsfotografen schon mehrfach fein oder weniger fein speisen und oft begeistert und beeindruckt und überrascht, aber noch nie vorher hatte ich das echte Bedürfnis, mein kulinarisches Erlebnis im Blog mit Dir zu teilen, da hier ja eher meine Dienste als Kleiderständer, als die Kochkünste anderer Leute gefragt sind.

Der Abend des 27.10. war aber in vielerlei Hinsicht so abgefahren anders, dass ich meine Bedenken über Bord werfe und Dir davon erzählen möchte. Auch wenn tote und lebende Restaurantkritiker mich etwas gerade einschüchtern, denn die Schreiberei ist bei mir keine Profession, ich lasse einfach Dinge aus meinem Kopp in die Tasten und mache dabei oft nicht mal den Filter an.

Ich war an dem Abend die Erste vor Ort. Vom Büro aus sind es fast 3 km zu laufen, das Wetter war grau, trocken und relativ mild, also latschte ich los, 100 m vor dem Ziel verlor ich meinen Schal und merkte es erst, als ich wartend vor dem Lokal stand und leicht fror. Ich sprintete zurück in die Richtung aus der ich gekommen war und sah es liegen, das graue Wischtuch, dem keiner seine Qualitäten ansieht, denn dazu müsste man sich bücken und fühlen. Frau Indica traf ich genau an der Fundstelle und wir zogen fröhlich zurück zur erlesenen Lokalität.


Die Gastgeberin im GLASS, Frau Jaqueline Lorenz, begrüsste uns wie alte Bekannte oder wie liebe Freundinnen und nahm uns mit ihrer überaus herzlichen Gastfreundschaft sofort gefangen. Dieses Gefühl sollte ich den ganzen Abend lang behalten. Sehr gekonnt, souverän und mit einem unglaublichen Weinwissen führte sie uns bezaubernd durch den Abend. Auf eine Art und Weise die ich so in einem deutschen Restaurant noch nie erlebt habe. Entweder ist man verhalten arrogant, plump vertraulich, hanseatisch distanziert, hat eine berliner kesse Art oder ist übertrieben freundlich - aber wirklich nie habe ich hier so eine selbstverständliche Vertrautheit und Freude bei der Arbeit erlebt, wie an diesem schönen Abend. Auch nach so einer unaufdringlich freundlichen und klug begleitenden Servicekraft muss man sicher lange suchen, denn auch die zweite Dame im Service möchte ich dringend loben und hoffen, dass es so bleibt, wenn ich wiederkomme.

Aber nicht nur der Service beeindruckte mich nachhaltig, sondern natürlich auch die unglaubliche Küche, die vom Tagesspiegel einmal mit MODERN ARABISCH umschrieben wurde. Wir entscheiden uns für das 7 Gang Menü mit großer Weinbegleitung und ich teilte den Abend auf Instagram, bis mein Akku schlapp machte. Hier gibt es heute nur Handybilder. Auf die Fotos des oben erwähnten Profis müssen wir warten, bis der Artikel über das Restaurant im FORUM Magazin erscheint, dann füge ich den Link natürlich hier dazu!


Im Menü wurden die orientalischen Anklänge des Küchenchefs Gal Ben Moshe aus Israel klar. Mit Baharat, Datteln, Pistazien, Rosenwasser, Granatäpfeln und Schafsjoghurt als Begleiter. Israelisches Couscous kam zusammen mit Weidelamm Tatar auf die Gabel und eine Aubergine verbarg Lammnacken.

Palmherzen mit Mandarinen Filets, Mandarinen Pudding, mandels und Chicorée

Dazu die Weine - allen voran der Schaumige - also Champagner. Frau Lorenz erklärte uns, dass sie weg von den Großen, hin zu den Großen gegangen sind. Weg von den Marken, die man von Instagram oder Champagnerbars am Strand kennt, hin zu Handwerk und Geschmack, der von Jahr zu Jahrgang auch mal variieren darf.  So kredenzte sie uns einen Champagner aus dem Hause  Gonet Medeville - ein Blanc de Noirs. Er kam schön kräftig daher und nicht so mainstream weichgespült, wie man es landläufig kennt. Auch die Preise sind angenehm, da man eben keine Gläser, Schirmchen, Hütchen und Namen mitzahlt, sondern Wein und Werk.

Beim Blick auf die Weinkarte (auf einem iPad) entdeckte ich Château Musard und ergriff meine Chance, den 1998er Jahrgang probieren zu können.

Dank des CORAVIN Systems (das ich erst ein paar Tage vorher im Hotel in Bratislava kennengelernt hatte) konnte mir der Wunsch erfüllt werden. Man kann damit nämlich jede verkorkte Flasche mit Hilfe einer Nadel öffnen, ein Glas voll entnehmen und wenn die Nadel den Korken wieder verläßt, ist die Flasche quasi wieder verschlossen. Das Edelgas Argon (aus einer Patrone) legt sich auf die Weinoberfläche und verhindert so, dass die edlen Tropfen mit Sauerstoff in Berührung kommen.

Für Leute, die in der Pizzeria  immer den offenen Hauswein aus Tetrapack oder 1,5l Flaschen bestellen ist das jetzt sicher ein langweiliger Vortrag, aber wer sich etwas mit Wein, Weinsammlungen, verschiedenen Jahrgängen und anderen diversen Feinheiten auskennt, für den ist diese Erfindung eine echte  Offenbarung und zugleich eine enorme Veränderung der Trink- Genussgewohnheiten.

Man kann plötzlich glasweise vergleichen, die angefangenen Flaschen weiter lagern und muss den "guten" Tropfen nicht an einem Abend austrinken, sondern kann ihn sich für den nächsten schönen Abend aufheben.

4 x grüßte uns die Küche vorab


Immer sehr lecker, liebevoll und spektakulär in Geschmack und Optik.

Bei Instagram bemängelte jemand die kleinen Portionen und, dass es ihr leid tun würde, nur 3 Löffel davon zu haben, wenn es doch so gut schmeckt... Da ist was dran, also übte ich mich in der Kunst der Beherrschung und wartete immer schon voller Vorfreude auf den nächsten Gang!

A photo posted by Bärbel Ribbeck 📍 Berlin (@uefuffzich) on


Da gab es zum Beispiel diesen einzelnen Raviolo, der im Mund platzte und Rinderjus freigab. Wir hörten auf die vorher gegebene freundliche Anweisung ihn in einem einzigen Haps zu verspeisen, um die eigene Garderobe und die Tischwäsche des Lokals zu schonen. Ja, davon hätte ich auch gerne mehr gehabt, wie auch von den Knusperstangen aus dehydrierter Sojamilch mit roter Miso-Stippe, die glücklicherweise das einzige vegane Gericht des Abend blieben.

Das meistfotografierte Gericht im GLASS ist ein offenes Frühstücksei, serviert auf einem Stückchen versilberter Eier-Pappe. Schichtweise befüllt mit kleinsten Granny Smith Würfelchen, Eigelbconfit, Eischnee, Ahornsirup und mit Baharat gewürzt. Die Herausforderung besteht nun darin, alle Zutaten zusammen auf den Eierlöffel zu bekommen, um die Geschmackskomposition perfekt zu haben. *ha* meine leichteste Übung - ich esse jeden Morgen ein ziemlich weiches Frühstücksei und bin deshalb sehr erfahren im Umgang mit der zarten Kalkschale!


Nicht minder anschaulich und geschmacklich auf ganz hohem Niveau waren die Vorspeisen und Zwischengänge

Blumenkohlsüppchen mit Müsli und Datteln

Weidelammtatar mit geräuchertem Couscous und komprimierter Gurke

 Seeteufel "Borscht" mit Äpfeln, Zwiebeln, roter Beete und Meerrettich-Schmand

Ich bin ja eher der Typ für diese kleinen leckeren Häppchen wie Amuse Geule und primi Piatti - bei den Hauptgängen ist in so noblen Häusern gerne mal "die Luft raus" - aber auch in diesem Punkt war im GLASS alles anders.

Marinierter Lammrücken mit Schafsjoghurt und gefüllter Aubergine, Auberginenpüree und Lammjus

 Brie de Meaux und Avocado, SBasilikumsorbet, Paecanüsse und Guavenschaum

Liebe Berliner, Berlinbesucher, Durchreisende - ich möchte das GLASS uneingeschränkt empfehlen. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass am unteren Ende der Uhlandstrasse ein gewaltig-gruseliger 70er Jahre Beton-Koloss mit Arbeiterschliessfächern so ein Highlight für mich bereithält. Das hat man davon, wenn man jahrelang in denselben Schuppen abhängt. Na, das ändert sich ja gerade zu meinem Glück!



GLASS

Uhlandstrasse 195
10623 Berlin

Telefon: 0+49-30-547 10 861

http://www.glassberlin.de

Instagram: glassberlin

Kommentare:

  1. liest sich ganz wunderbar liebe bärbel! und die bilder lassen einem das wasser im munde zusammenlaufen. geschmackstechnisch bin ich mir sicher dass du eine strenge kritikerin bist :-)
    ich kenn ja die orientalische küche nur aus garküchen - kairo, strand des golfs von akaba, berlin-kreuzberg - oder direkt vom lagerfeuer der beduinen mitten in der wüste ägyptens. das ist leider schon ewig her.....
    xxxxxx

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  2. Das klingt gut. Und gerade orientalisch angehauchte Lammgerichte. Ich weiß, ich bin ein Banause. Aber auch bei guten Weinen schaffe ich problemlos ne halbe Flasche. LG Sunny

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  3. Klingt toll, auch wenn einiges für mich nicht essbar ist. Wer selten Fleisch mag, wie ich, hat da andere Präferenzen. Die Gänge erinnern mich an Essen in Frankreich. Es muss nicht immer viel sein, sonst schafft das kaum jemand bis zum Ende :)
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Ich hab das ja auf Instagram verfolgt, und da lief mir schon das Wasser im Mund zusammen. Lamm esse ich für mein Leben gern :)

    Liebe Grüße Sabine

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  5. Sieht alles lecker aus, Danke für den Tipp

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  6. Das sieht alles so großartig aus. Bei Weinflaschen war für mich schon vor 10 Jahren die Erfindung dieser Luftpumpen eine Offenbarung, die Luft aus der Flasche ziehen. Natürlich ist das kein Vergleich zu der beschriebenen Technik, aber für den Hausgebrauch hält der Wein in der Flasche wenigstens einen Tag länger. Offenen gestandenen Wein kann ich nämlich gar nicht leiden.

    Was für ein Glück Du hattest, das alles so schön erleben zu dürfen!

    LG nach B zu B
    Ines

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  7. Sehr fein, dein Kritik-Erlebnis-Bericht. Und super, dass du das Lokal noch von außen fotografiert hat. Die Location sieht echt unüblich für so ein gutes Restaurant aus.

    liebe Grüße, Paula

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  8. Das war ja wirklich ein besonderer Abend, wenn Du so schwärmst. Das Essen sieht wunderbar aus und die Atmosphäre scheint auch sehr angenehm zu sein.
    Feiner Bericht, der gleich Appetit macht!
    Schön, dass wir mit Dir dort waren!
    Liebe Grüße von Sieglinde

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  9. Wieso habe ich nach dem Lesen hier ein Pfützchen auf der Zunge und möchte sofort (!) ein Lammgericht für Feinschmecker? Und ein Ei. Und....
    Danke für's Mitnehmen auf diese kulinarische Reise und die Vorstellung dieses Glashauses. Du hast recht, ohne Hinweis würde ich so ein Lokal in der Umgebung nie finden. Aber wofür gibt's denn Blogs und Vorkoster, äh Influencer? :D Von mir aus kannst du die Sparte "Restaurantteser" also gern weiterführen. Viele Grüße in die Hauptstadt!

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  10. :-) Das sieht interessant aus.
    Für Lamm und dergleichen konnte ich mich noch nie begeistern, aber es gab ja auch noch andere Dinge, die ich auch bedenkenlos verspeist hätte.
    Schönes Wochenende - wo auch immer Du gerade steckst - und liebe Grüße :-)

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  11. Herrlich sieht das aus. Tolle Fotos- jetzt hab ich Hunger. Wein von 1998 trinken. Das ist wirklich toll, dieses Verfahren. Ich kenne Wein als sehr sensibel und ohne richtige gute Lagerung ist er ja im Alter oft ungenießbar und mehr zum Anschauen und sammeln und besitzen geeignet.
    Schönes Wochenende, liebe Grüße Tina

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  12. Habs notiert, danke! Falls ich demnächst mal nach Berlin komme, weiß ich jetzt, wo ich meine Begleitung beeindrucken kann.

    Viele Grüße von der Bunten

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  13. Auf so eine Art, so fein, war ich noch nie Essen. Vielen Dank für deinen Bericht davon und auch die aussagekräftigen Fotos. So habe ich eine Vorstellung davon wie hübsch man auf Tellern anrichten kann :)

    Schönes Wochenende, LG <3

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Bärbel ☼